Der eigene Klang

 

Seit ich in Portugal war, habe ich die Liebe zum Klang wieder entdeckt. – in der Zeit zwischen Bundesheer und Studium war ich ja total fasziniert von Klangsynthese, und all den Möglichkeiten wie ein Computer zu deren Kreation verwendet werden kann. Etwas, das später der Begeisterung für analoge Fotografie gewichen ist.

 

Die Stille die innerlich entstehen kann, wenn man einfach nur zuhört, kann einen in ganz andere Dimensionen bringen. Wo es keine Zeit gibt, können keine Gedanken wachsen. Und das was man seine eigene Identität nennt, kann sich auch nur dort ausbreiten wo es ein Damals und ein Morgen gibt.
Diese Stille ist ein warmes Gefühl, wie ein vertrautes Zuhause, das man immer gekannt hat. Wenn man sich nur in den Klang sinken lässt, breitet sich eine Zufriedenheit aus, deren Tiefe unermesslich scheint.

Das erste Mal ist mir das in Portugal passiert. Im Gulbelkian Park, nach einer kurzen Mittagsrast: der Wind in den Baumspitzen beginnt sich gerade von Neuem zu regen. Ich weiß nicht warum, aber ich höre nur den Klang.

 

Jeder Baum hatte anderen Akzent. Es erscheint wie eine perfekte Komposition.
 Es gibt keinen der etwas daran richtiger machen könnte. Eine Art leise innere Stimme lässt mich tiefer sinken: „Keine Notwendigkeit, die Kontrolle zu übernehmen.“
Im Bauch breitet sich das Gefühl einer Stille aus. Friede.

 

Es gibt nichts zu diskutieren. Im Vergleich zu allem was ich  bis erlebt habe, fühlt sich die Welt jetzt vollkommen real an. Unmittelbar. Zum ersten Mal seit 27 Jahren, lege ich meine Identität, wenn auch nur für ein paar kurze Momente ab.

 

Es fühlt sich an, als hätte ich einen riesigen Rucksack abgesetzt, und darin nur Steine herumgetragen.
All das war doch nie ein Teil von dem was ich bin, und trotzdem habe ich es immer mitgeschleppt. Es wäre gar nicht notwendig sich in diesen Konstrukten zu bewegen. Selbst wenn ich all das nicht mehr habe, was ich zuvor geschworen hätte zu sein, bin ich immer noch hier.
Zum ersten Mal fühle ich, was Freiheit wirklich bedeutet. Und in welchem grandiosen Ausmaß ich immer frei war, ohne es zu wissen. Und das es angesichts dessen nichts gäbe, das es wirklich wert wäre, gegen diesen Frieden getauscht zu werden.

Es war nur ein Moment, aber er hat mir mehr gezeigt, als ich 27 Jahre zuvor an Wissen und Verstehen angehäuft habe. Es war, als hätte ich das erste Mal in meinem Leben einen Schritt gemacht. Einer der tatsächlich meine Position verändert hat. Auch wenn es nur ein ganz kleiner war.

 

Diese Wahrheit hat eine Anziehungskraft jenseits der Gedanken. Wann immer möglich, besuchte ich einen Park in meinen freien Stunden. Die Ruhe der Natur erzeugt eine tiefe Stille in mir. Etwas das vorher nie passiert ist.
Es gelingt nicht immer in diesen Raum zurückzukommen. Gedankenschatten.
Doch wenn, dann ist es immer das gleiche Gefühl der Verbundenheit, etwas sehr Vertrautes. Ein Gefühl, das einfach nur ist, und sich auch mit der Zeit nicht abnutzt.

 

Es scheint ein Prozess in mir zu arbeiten. Nicht sichtbar, nicht erklärbar, aber fühlbar. Unter dem Dunst des Verstandes kocht etwas das viel wahrer ist. Etwas, das nicht relativ ist.
Glückseligkeit, und Friede sind der natürliche Zustand dessen, das schon hier war, bevor dieser Verstand das Licht der Welt erblickt hat.
Etwas hat dann den Fehler gemacht, und den Verstand als die einzige Wahrheit angenommen, Kraft dessen eine Identität kreiert, die sich wiederum selbst bestätigt.

 

Auch wenn die Maske nur für einen Moment gefallen ist, genügt es um sofort und intuitiv das Gesicht dahinter zu erkennen. Dann weiß man, wer der Wahre ist.

Auch wenn dann alles wieder zurückkommt, das gute alte Denken und seine Muster übernimmt. Etwas hat sich etwas verändert. Gedanken und Gefühle tauchen auf, aber ich bin nicht mehr so stark davon gesteuert.

Als hätten sich zwei Platten verschoben und eine kleine Trennung erzeugt, kann ich das was in mir selbst auftaucht beobachten. Und dadurch verliert es an Traktion.
Ein kleines Stück Freiheit.

 

Und doch war dies der Grund warum ich jetzt wieder entschlossen habe zu reisen. Weil mir diese Ungeplantheit des alleine Reisens zu Gute kommt. Weil keine Routine meinen Tag übernimmt.
Hier bin ich überall neu, Einer der unterwegs ist. Mir gefällt die Idee ohne Plan loszufahren, nicht zu wissen welche Menschen ich morgen treffe, oder wo ich übermorgen bin.
Und ich bin zur Zeit sehr gerne in fremden Kulturen. Auch wenn wir vielleicht komplett anders aufwachsen sind, sind wir in vielen Dingen sehr sehr „gleich“. Das erklärt viel.

 

Meine Handtasche

Da ich nur mit Handgepäck unterwegs in, ist auch mein Audio/Video Equipment minimalistisch.

Seit der Zeit in Portugal habe ich fast immer einen Stereo Tonrekorder in meiner Tasche. Was früher die Kamera war, ist jetzt das Aufnahmegerät. Es ist klein, geht schnell als Mobiltelefon durch, aber hat trotzdem ganz ordentliche Preamps, und Anschlüsse für ein externes Mikro.

 

Die Welt, hört sich durch so ein Gerät, irgendwie anders an. Man achtet mehr auf die Details. Nuancen die man sonst automatisch verwirft. Und es wird ein Ritus, wenn man sich nur auf das Hören konzentriert.
Selbst eine Restaurantathmosphäre oder die abendlichen Straßengeräusche, klingen dann ganz neu.
(Oder wie hier in Nepal, wenn um halb 5Uhr früh, einer der drei umliegenden tibetischen Tempel seine Morgenpujas beginnt.)

Ich finde es eine schöne Möglichkeit ein „Bild“ einer unbekannten Landschaft zu vermitteln. Man versteht unmittelbar. Als hätte man sich an einen dunklen fremden Ort teleportiert. Eine Art Urlaubsalbum, das man später gerne wieder mal durchblättert. Schreiende Verkäufer, die Stimme eines netten Unbekannten, das riesige Unwetter am Meer…

 

Vor ziemlich genau einem Jahr, bin ich von Spanien aus nach Marokko gefahren, und habe hin und wieder das Aufnahmegerät mitlaufen lassen. Im nächsten Beitrag gibt es ein paar Klänge davon.
Update: Inzwischen gibt es das akustische Logbuch meiner Indien/Nepalreise hier: Sound Stories.